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Im falschen Film

Eine kleine Episode über meinen Vater und seine Frau habe ich schon erzählt. Vor einem Jahr sagte ich ihm, ich könne mir grade kein Essen leisten und er riet mir, ich solle doch mal zum Amt gehen.

Warum ist die Antwort so verletzten?

Ich kann euch nicht sagen wie viel Geld mein Vater genau hat, weil ich es nicht weiß. Ich kann euch nur sagen, er ist im Grunde das halbe Jahr im Urlaub und fährt gerne Motorboot. Er hatte viele Jahre ein eigenes Boot. Heute wird nur noch gechartert. Ich bekomme nur erzählt wo sie im Urlaub waren, wo welche reichen Leute waren, was der Hummer und der Champagner kosten. Mein Vater arbeitet schon lange nicht mehr. Er ist Privatier. Für alle da draußen, die mit der Info nix anfangen können, dass er Motorboot fährt. Nur das Benzin, das er zum Spaß rausbläst würde meine Miete bezahlen.

Sein Lebensinhalt ist Freunde treffen, Essen, Trinken, die Zeit vertreiben und Geld ausgeben. Was ihm gerne gegönnt sei.

Jeder darf der Meinung sein, dass ein Vater nicht verpflichtet ist seinem Kind zu helfen. Ja, er ist dazu nicht rechtlich verpflichtet. Das kann man natürlich so stehen lassen.

Nach einem Jahr meldete er sich also wieder und machte eine halbherzige Entschuldigung, wollte aber am Ende nur, dass wir jetzt nicht mehr drüber reden und weiter machen. Ich würde meiner Tochter gerne gönnen ihren Opa zu sehen und Zeit mit ihm zu verbringen. Es ist doch ihr Opa. Also machte ich das, was ich mein Leben lang schon tue, ich ließ es auf sich beruhen.

Ein paar Tage später gingen wir Mittagessen. (Nachdem ja beim ersten Treffen nach einem Jahr, plötzlich die Stammtischkumpels dastanden). Auch bei Mittagessen dachte ich ein paar Mal ich bin im falschen Film gelandet.

Irgendwann fragte mich mein Vater, ob ich denn jetzt für die neue Wohnung noch viel investieren müsse. Ich weiß nicht was er wirklich wissen wollte oder was seine Intention war, denn es war eine irgendwie hintenrum formulierte Frage. Ich antworte, dass ich natürlich jede Menge Geld brauchte. Für Kaution und neue Möbel, die ich nicht mehr hatte und ein bisschen Farbe, ein Kinderbett. Wie das halt so ist, wenn man umzieht.

Er nickte. Das war’s.

Es ging dann auch drum, dass ich kein Waschmaschine habe und kein Sofa. Leider müsse es ein schmaler Top Lader sein, was anderes ginge nicht rein. Da fingen die beiden kurz an zu überlegen, ob sie nicht ein gebrauchtes Sofa finden können und ob ich den Tisch haben möchte, der seit gefühlt 15 Jahren auf dem Balkon steht.

Bitte stellt euch seine Frau vor, die mir gegenüber sitzt mit mehr Goldschmuck als an meinem Weihnachtsbaum, frisch aus Kitz mit dem Porsche Cayenne und der Designertasche auf dem Schoß, die mich fragt ob ich den verwitterten Tisch vom Balkon möchte.

Meine „echte“ Familie hat mir wirklich das Leben gerettet und ich bin darüber sehr dankbar. Mein Opa gab mir Geld für die Kaution, sonst hätte ich gar nicht ausziehen können. Meine Oma kaufte ein neues Bett für ihre Urenkelin. Meine Mutter sparte etwas für meinen Umzug. Mein Vater bietet mir einen alten Tisch an.

Ebenfalls surreal fand ich es, als es dann hieß, im Keller seien noch jede Menge Sachen von meiner Oma (sie starb vor zwei Jahren), bei denen man nicht wisse, wohin damit. Ich sagte daraufhin, dass ich alles verkaufe was ich nicht mehr brauche und solche Sachen aus dem Keller könne man doch gut inserieren. Ich erklärte ihr die Kleinenzeigen App und sagte, ich verkaufe alles auch wenn es „Nur“ 5 € bringt oder 10. Ist auch Geld.

Wisst ihr was? Sie bot mir an, ich solle doch alles für sie einstellen und weil ich so dringend Geld brauche würde sie mir die Hälfte geben. Also sie selbst brauchte wohl die andere Hälfte auch sehr dringend.

Als ich ihr überschlug was ihre Sachen so wert seien, verzichtet sie dann auf ein Inserat. Das sei zu viel Arbeit für das Geld… noch Fragen?

Ich fuhr wieder heim. Egal wie oft ich mir in meinem Leben schon gesagt habe niemals etwas zu erwarten und mich einfach nicht mehr überraschen zu lassen, ich kann doch die Enttäuschung nicht ganz abstellen. Ich kann einfach nicht ganz aufhören zu denken, wie einfach er mir eine kleine Waschmaschine oder ein Ikea Sofa hätte kaufen können.

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