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Aushalten. Nur noch Aushalten.

Ich bin es ja seit Jahren gewohnt, dass ich, egal wo ich mit meiner Tochter bin, immer die bin mit dem unerzogenen Kind.

Überall werde ich betrachtet, oft mit Mitleid, weil mein Kind nicht hört und sich meist irgendwie danebenbenimmt bzw. für alle deutlich sichtbar, einfach nicht darauf reagiert was ich zu ihr sage.

Ebenso habe ich mich daran gewöhnt, dass ich schräg angesehen werde, weil ich oft laut nach meinem Kind rufen muss und leider auch oft einen sehr strengen Tonfall anschlage, damit ich irgendwie die Kleine im Griff habe. Seit bestimmt schon 2 Jahren habe ich Großteil aufgehört zu rufen. Ich bin es so leid, diejenige zu sein, die 300 Mal am Tag den Namen ihres Kindes durch die Gegend schreit. Ich pfeife nur noch. Ja, ich pfeife! Ja, mein Kind ist kein Hund und dennoch ist es mir lieber ich pfeife, als das ich permanent meinem Kind hinterherschreie wie eine Vollidiotin.

Auf jedem Weg von A nach B müsste ich mindestens 10 Mal laut ihren Namen rufen, damit sie wieder stehen bleibt. Ich pfeife. Sie wartet. Sie spielt im Hof. Ich pfeife und sie zeigt sich kurz. Das klappt und es beruhigt mich, dass ich mich darauf zu 98% verlassen kann. Das Kind reagiert auf meinen Pfiff. Keine Selbstverständlichkeit.

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, gibt es inzwischen auch eine Diagnose. Die lautet nicht, ich bin unfähig mein Kind in den Griff zu bekommen, sondern die lautet ADHS.

Schon immer habe ich Eltern beneidet, die mit ihren Kindern dastanden und ein scheinbar vollkommen verständiges Gespräch führten. Eltern die in leisem und nettem Tonfall Dinge erklärten und kleine Kinder, die davorstanden und lauschten und nickten! Ich beneide sie heute noch darum. Ich kenne das von meiner Tochter fast nicht. Laut der Kinderpsychologin ist es eben eines der typischen Dinge für ADHS.

Ich beneidete auch schon immer die Eltern, die mit ihren Kindern entspannt an der Hand die Straße entlanggingen oder noch krasser, ohne Hand! Kinder, die ohne Hand ruhig neben ihrer Mutter gehen. Das kenne ich nicht. Mein Kind läuft eben immer vor. Sie läuft und läuft. Immer vor mir, immer weg. Bis ich eben pfeife, dann wartet sie inzwischen auf mich.

Das ganz lässt sich auch auf Fahrradfahren oder Rollerfahren oder egal-was-fahren anwenden. Immer eine sehr gefährliche Situation mit der Kleinen, die mich nervlich alles kostet. Denn auf dem Fahrrad ist sie 3-mal so schnell aber genauso „unfolgsam“. Ich war nach einem Stück Fahrradfahren körperlich am Ende und hatte Kopfschmerzen .

Die ADHS Diagnose überschnitt sich mit dem Schulbeginn und so geht die Kleine ja gerade auf eine normale Grundschule. Das stellte sich als fataler Fehler heraus. Obwohl meine Tochter nicht mal ein „schwerer Fall“ ist. Sie ist eher am äußeren Rand der Problematik, trotzdem haut es rein.

Die letzten Wochen und Monate bringen mich noch mehr an meine Grenzen als jemals zuvor.

Nicht nur bei ADHS zeigen sich diese Auswirkungen aber sie sind sehr typisch: Das Schlimmste für die betroffenen Kinder ist, dass sich sehr schnell eine Spirale anfängt zu drehen. Eine Spirale aus: Ich bin dumm, ich kann das nicht, ich bin langsam, die anderen sind besser, ich will da nicht mehr hin, ich gehe nicht in die Schule, ich habe Bauchweh, ich habe Kopfweh, ich will heim.

Die Maus hat fast jeden Tag irgendwas. Die Lehrerin kümmert sich dann etwas um sie und sie darf sich hinlegen. Ansonsten würde meine Tochter 2-3 mal die Woche bei mir anrufen.

Jeden Schultag staut sich der Frust auf. Frust und Angst.

Der Frust muss aber ja irgendwo raus. Ihr kennt sicher die Antwort, wo der Frust sich entlädt.

Ich bin aber leider auch nur ein Mensch und ich bin eben nur EIN Mensch. EIN Mensch, der jeden Tag der Prellbock ist. Ohne Pause.

Der andere Mensch, der Vater, tut in dem bisschen Zeit, die er mit seiner Tochter verbringt einfach konsequent alles, was ihr „schadet“ und nichts was ihr nütz und dann kommt sie wieder heim. Aufgeputscht und überladen und es geht bei mir mit doppelter Fahrt weiter. 2 Tage, dann ist sie wieder auf dem normalen Level.

Das Wort schaden ist vielleicht zu hart. Er tut einfach nichts, was der Maus in ihrem Zustand zuträglich wäre und eben alles, was den Zustand noch füttert. Wisst ihr was ich meine?

Zeitweise befinde ich mich nur noch in einem Zustand des Aushaltens. Ich halte aus. Sonst nichts.

Was ich damit meine?

Oft geht es schon beim ersten Augenaufschlag los mit. „Ich geh nicht in die Schule.“ „Ich stehe nicht auf, weil ich nicht gehe.“ „Ich ziehe mich nicht an, ich geh nicht in die Schule.“

Ich muss aber los, denn ich muss zur Arbeit. Jeden Tag versuche ich also irgendwie diese Weigerung zu umschiffen. Ich kann es nicht auf eine Diskussion ankommen lassen, ich darf keine Konfrontation herbei führen, denn dann kommt es zu einer Auseinandersetzung und zu einem sich komplett verweigernden Kind und das geht nicht, denn ich muss zur Arbeit.

Schon bis ich das Kind also im Auto habe, habe ich oft schon 1-2 Streitigkeiten und laute Worte hinter mir. So oft werde ich laut. Laut werden ist oft die einzige Möglichkeit um durchzudringen und weiterzukommen. Denn ich muss funktionieren im Zeitgefüge und sie auch. Ich habe es so satt, dieses dauernde laut werden und Konsequenzen androhen und immer nur „wenn“, „dann“.

Wenn ich die Mause dann abhole, dann gibt es verschiede Szenarien:

  1. Sie ist dermaßen durch, dass sie sich in mein Auto setzt und sich in irgendeine illusorische Forderung so reinsteigert, dass sie während der ganzen Heimfahrt in meinem Auto tobt. Sie schreit und tobt und weint und schreit. Das ist das mit Abstand anstrengendste und aufreibendste Szenario. Es kostet mich so viel Nerven und ich muss mich so zusammenreißen, ich kann es euch gar nicht sagen. Gott sei Dank, ist das eher selten der Fall!!
  2. Die Maus steigt ins Auto ein und ergeht sich in einem Schwall von Forderungen: „Ich will ein Eis“ .“Ich will zum Bäcker“. „Ich will auf den Spielplatz“. „Ich will dies, ich will das.“ Ich kann aber diesen Forderungen nicht täglich nachkommen. Jedes nein, setzt wieder einen Wutausbruch, Geschrei und Geheule in Gang. Wieder muss ich da irgendwie durch.
  3. Es gibt natürlich Tage, da fahren wir heim und es ist ok. Es gibt jeden Tag Forderungen am laufenden Band aber manchmal kommt sie damit klar, dass wir jetzt einfach nur heim fahren.
  4. Zu Hause geht es dann weiter mit diversen „Ich will“ Szenarien, die im Grunde von einer Szene in die andere führen oder der Abend wird relativ ok.

Vor dem Ins Bett gehen warten aber weitere Stolpersteine auf mich. Denn egal wie oft wir die Dinge besprechen und egal wie oft die Maus mir diese bejaht hat, es klappt nicht. Wir haben besprochen, dass wir die Haare waschen. Klappt nicht. Wir haben besprochen, dass wir baden. Nein, klappt nicht. Wir haben besprochen, dass wir noch Hausaufgaben machen. Nein will sie nicht.

Ja, ich weiß, alle Kinder oder viele haben das Haarwäsche-Problem und das Hausaufgaben-Problem und alle diese Probleme. Es geht aber hier um die Permanenz dieses Zustanden. Um die Tatsache, dass ich fast schon ein Jahr und länger täglich und manchmal minütlich nur mit Verweigerung lebe. Verweigerung bei fast jedem alltäglichen Handgriff. Kinder, das zerrt an den Nerven. Ihr kennt das.

Klar gibt es immer wieder gute Tage und gute Sachen und schöne Erlebnisse. Keine Frage.

Meine Tochter hat – wie viele dieser Kinder – Probleme mit der Impulskontrolle. Schon immer kommt es also vor, dass sie mal nach mit schlägt oder tritt. Da muss man sich ja übrigens in der Öffentlichkeit besonders krass beurteilen lassen. Da wird man angeglotzt, belächelt, der Kopf geschüttelt. Weil man da so ein unerzogenes Kind hat und eine vollkommen erziehungsunfähige Mutter. Phuuuuuu.

Was aber mein wirkliches Problem ist: In letzter Zeit kämpft die Maus und ich zusehends mit Wutausbrüchen. Sie geht auf mich los wie ein kleiner Berserker. Sie kratzt und schlägt und tritt mich, sie schreit und tobt. Einmal in den letzten Wochen massiv. Etwas abgemildert gibt es aber fast täglich eine Situation in der sie auf mich losgeht. Das kostet Kraft und Nerven. Ich möchte nicht dauernd angegangen werden!!! Ich will das nicht mehr!!!

Vor etwas 2 Wochen passierte es. Die Mutter aller Wutausbrüche. Danach war ich emotional am Ende. Ich wollte nur noch heulen. 2 Tage lang kämpfte ich mit den Tränen. Ich war froh, dass wir am Abend des großen Melt Down direkt den wöchentlichen Termin bei der Therapeutin hatten und die das gleich so ein bisschen mit uns besprochen hat. Trotzdem. Ich war am Ende.

Ich liebe übrigens unsere Kindertherapeutin! Die Frau ist Gold wert! Doch selbst wenn du weißt was los ist, selbst wenn du die Mechanismen kennst und genau informiert bist, es bleibt am Ende ja doch ein konstantes, immerwährendes Herausfordern. Es ist als würde dich jemand den ganzen Tag in die Seite pieksen. Pieks, pieks, pieks und wenn du sagt aufhören, dann erst Recht. Pieks, pieks, pieks und wieder: Pieks.

Nun ja, ich habe es ja immerhin geschafft nun alles in Bewegung zu setzten was gerade möglich ist um die Situation zu verbessern. Die Schule, auf die ich meine Kleine so sehr wünsche und bei der ich schon ein langes Vorgespräch hatte, hat uns letzte Woche gemeinsam eingeladen. Das gibt mir Hoffnung. Natürlich ist auch das keine Zusage aber immerhin. Ich versuche mir keine Hoffnungen zu machen aber ich weiß, es wäre die Rettung für die Maus!

Wenn die Schule mir absagt, dann geht es wieder mal weiter mit Plan B und Plan C und Plan D. So wie immer. So wie schon seit vielen Jahren. Ich räume weiter Steine aus dem Weg und funktioniere und halte aus. Arbeite an Situationen, versuche mich richtig zu verhalten und alles umzusetzen, was mir erklärt wird. Derweilen hasse ich mich dafür, dass ich viel zu oft streng bin und viel zu oft laut bin und eigentlich nur noch feldweble. Ich möchte auch so gerne mehr Harmonie mit meinem Kind. Zusätzlich öffnet das ja einem Vater, der nur Spaß ist und nur Wünsche erfüllt und nie nein sagt und und nie etwas verlangt noch mehr Tür und Tor. Die Heldenverehrung des Nichtstuers wird befeuert und ich kämpfe mich wie eine Maschine durch den Alltag.

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