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Das ausgedehnte Schweigen

Wir erreichten irgendwann den Punkt, an dem Mr. M. seine Abende nur noch vor dem PC verbrachte und ich im Wohnzimmer noch etwas fernsah. Sobald ich dann aufstand um ins Bett zu gehen wechselte er dann das Zimmer und okkupierte den TV. Mr. M. erzählt es gerne andersherum. Ich sei gegangen, sobald er „zu mir“ kommen wollte. Allerdings war ich meist schon im Bad oder im Bett als er ins Wohnzimmer ging, ich kann seine Sicht der Dinge also nur schwer bestätigen. Außer man unterstellt mir eine Vorahnung, wann Mr.M. plante das Zimmer zu wechseln. Wie rum es auch war, wir haben kaum noch gesprochen.

Ich gebe zu, dass ich eine lange Zeit einfach wartete. Ich wartete darauf, dass endlich von ihm irgendetwas kommen würde, irgendeine Reaktion darauf, dass hier ganz offensichtlich unsere Ehe und Familie einen langsamen Tod starb. Das mag nicht der richtige Weg gewesen sein aber ich hatte einfach das Gefühl, dass es unverkennbar war, was hier passierte und ich  hatte schon so viel Zeit damit verbracht zu sagen was nicht stimmte, irgendwann wollte ich irgendwas von ihm hören. Er sagte und tat einfach nichts. Jeder in unserem Umfeld merkte es, aber er machte täglich einfach so weiter.

Warum haute ich nicht viel eher auf den Tisch und sagte ihm ganz deutlich, dass ich nicht bereit war, so weiter zu leben? Ich weiß es nicht ganz genau aber ich weiß es teilweise. Ein ganz großer Teil war, dass ich wirklich immer sprachloser wurde angesichts dessen wie er sich benahm, es war mir unmöglich eine Erklärung für dieses schreckliche Verhalten zu finden. Die Tatsache, dass alles was er hier abspulte so weit weg war von meiner Idee zu leben und meiner Idee ein Kind zu erziehen und allem was ich eigentlich immer für erwachsenes Verhalten als Eltern hielt, machten mich ohnmächtig.

Ich wollte, dass er ein einziges Mal den Mund aufmachte und aussprach, dass hier etwas falsch lief.

Nichts geschah. Er war vollkommen willens neben mir her zu existieren ohne ein einziges Wort zu sprechen. Es frustrierte mich zutiefst. Ich begann wieder zu rauchen, weil ich die Spannung nicht mehr aushielt, eine Spannung der er komplett ignorierte. Ich denke ein oder zweimal machte er den halbherzigen Versuch zu reden, indem er mich fragte „Stimmt was nicht?“ „Stimmt was nicht????“ Oh mein Gott, das machte mich so wütend. „Stimmt was nicht?“ Ehrlich? Nach tagelangem Schweigen fragt er mich ob was nicht stimme? Das war eine solche Frechheit. Über diese Frage waren wir bereits sooo weit hinaus, dass es jeder Beschreibung spottete!

Vielleicht war ich hier zu stur oder zu stolz aber das war nicht ansatzweise der richtige Schwierigkeitsgrad auf dem wir uns hier befanden. Ich hatte monatelang gesprochen, ich habe kund getan was ich als falsch empfand, ich habe mir ja diesen ganzen Scheiß nicht wortlos gefallen lassen über Jahre hinweg, ich habe geredet alles, alles fiel auf taube Ohren. Erst dann als alles endlich bröckelte, hörte ich auf zu sprechen. Er machte das gerne mit und sah mit zu, wie ich langsam dran erstickte.

 

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