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Es ist so viel passiert. Nicht.

Nach eineinhalb Wochen durfte ich mit meinem Baby die Intensivstation verlassen und nach Hause gehen.

Ich muss ein wenig auf unsere Lebenssituation eingehen um verständlich zu machen was passiert ist.

Herr M. und ich waren beide selbständig und arbeiteten als Team. Mr. M ist Kameramann und ich bin Redakteurin. Gemeinsam waren wir eine kleine Produktionsfirma und wurden so gut wie immer als Team gebucht. Wir machten fast nur Nachrichten und Tagesaktuelles. Sprich, wir standen auf Abruf bereit. Immer und Jederzeit anrufbar. Über die Jahre hatten wir auch andere freie Kollegen die mit uns arbeiteten und die wir buchten wenn mehr zu tun war. Dieser Job war absolut unmöglich mit einem kleinen Baby. Ich wusste über all die Jahre nie, wohin ich am Tag fahren würde und wie weit, wann ich nach Hause komme oder ob es vielleicht sogar nötig werden würde irgendwo zu übernachten. Meine Arbeitstage waren nicht planbar. Kurz nach der Geburt hatten wir es geschafft ein neues Büro zu finden, nur 2 (!!) Straßen von unserer Wohnung entfernt. Man konnte also in 5 Minuten hin- und zurückgehen. Ich erinnere mich, wie ich mir dem Kinderwage hinschob um die Besichtigung wahrzunehmen. Mr. M arbeitet dort weiter und eine freie Kollegin übernahm meinen Job und drehte. Zudem ergab sich bereits während meiner Schwangerschaft, Gott sei Dank, die Situation, dass Herr M. bei einem TV Sender in der Stadt gebucht wurde und zwar recht gut und regelmäßig. Wir hatten relativ zuverlässige Kunden und eine relativ zuverlässigen Auftragslage.

Ja, absolut, Selbständigkeit bedeutet immer, dass man niemals sicher weiß wieviel Geld in laufenden Monat rein kommt und wie viele Jobs man überhaupt bekommt. Wenn du den Job heute nicht annimmst kommt morgen vielleicht keiner rein. Hmmm…. Aber bitte lasst mich die Frage stellen: Wie oft in deinem ganzen Leben musst du wohl deine Frau und dein Neugeborenes aus dem Krankenhaus abholen? Glaubt wirklich irgendjemand, dass du im Armenhaus landest, wenn du dir diesen Tag frei hältst um dein Kind Nachhause zu holen? … Ja, dass dachte ich mir!

Wenn du es aber dann absolut nicht schaffst, unter keinen Umständen, weil die Welt untergeht ohne dich dann könntest du vielleicht auf die Idee kommen den nächsten Tag frei zu halten um deine Frau und dein Frühchen zum Kinderarzt zu bringen für die  erste Untersuchung…nur ganz eventuell. In diesem Job freiberuflich zu arbeiten bedeutet zwangsläufig, dass es Tage gibt an denen gar nichts passiert oder Tage an denen es bis Nachmittags ruhig ist und dann plötzlich wirst du angerufen und sollt sofort am Treffpunkt xy erscheinen bzw. So schnell wie eben möglich losfahren. Es gibt so gut wie keinen Zeitplan, außer du hast bereits einen fest gebuchten Dreh an diesem Tag, dann weißt du wann du wo zu sein hast und erlebst (meistens) keine Überraschungen. Nach meinem Verständnis bedeutet das für jemanden, der gerade eine kleine Tochter bekommen hat es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Ich könnte mich zum einen an einem Tag der Woche dafür entschieden  morgens bei meiner Familie zu bleiben bis ein Anruf kommt.  Wenn was ist, kann ich ja jederzeit los schießen. Wenn man in der Situation ist, dass man tagelang gedreht hat und dann ein Tag kommt an dem erst mal nichts ist, dann könnte ich mir die Zeit nehmen mit meinem Kind zu frühstücken oder ich könnte ins Büro gehen und wenn ich feststelle es scheint gerade ruhig zu sein, könnte ich nach Hause gehen ( 2 Straßen weiter) und bei meiner Familie reinschauen vielleicht sogar – bewahre Gott- etwas beitragen für ein Stündchen.

In 4 Jahren ist das nicht einmal passiert. Klar, es ist ja auch viel ruhiger im Büro World of Warcraft zu spielen! Egal wie oft er es auch herunterspielen und leugnen mag, wir wissen es alle, alle die jemals mit ihm im Büro waren. Er spielte dort WOW in jeder freien Sekunde. Natürlich, Mr. M. hat unsere Rechnungen geschrieben und auch die Buchhaltung im Auge behalten etc. aber bitte nicht vergessen: Ich spreche von einem Verhalten, dass über Jahre andauerte. Jahre. Selbst wenn du 7 Tage die Woche erreichbar bist, es gibt immer einen Tag ohne Auftrag. Immer. Meistens über den Monat gesehen, mehr als einem lieb sind! Immer. Ich weiß zu 100% wovon ich spreche, es war auch mein Job, mein Büro exakt genau meine Lebensweise. Herr M. erklärt mir ja heutzutage gerne wie der Job funktioniert.

Ich denke es geht den meisten Müttern so und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass man am Anfang (und für lange Zeit) nicht viel Schlaf bekommt, keine Zeit hat um sich in Ruhe und Frieden mal zu Duschen ja, meistens noch nicht mal mehr in Ruhe (und alleine) aufs Klo zu gehen. Wenn man nun also zu zweit ein Kind hat dann gäbe es da ja die winzig kleine Aussicht darauf, dass der Partner – vielleicht mal am Sonntag alle zwei Wochen (was für Ansprüche!!!!) – sein Kind nimmt, es in den Kinderwagen legt und mal um den Block schiebt (wo denke ich nur hin). Stell dir das mal vor! Man könnte glatt auf die Idee kommen sogar einmal in die Wanne zu steigen. Wie ihr euch vielleicht schon denken könnt: Reine Wunschvorstellung meinerseits.

Einmal habe ich Mr. M. darum gebeten. Einmal habe ich ihm gesagt es wäre wirklich sehr schön, wenn er mal mit seinem Kind kurz spazieren ginge und ich einfach mal eine halbe Stunde durchatmen könne. Er hat es getan. Einmal. Die Woche darauf musste ich aber wieder hingehen und fragen und dann, ich schwöre es, es klingt mir heute noch in den Ohren, beim 3. Mal wurde mir folgender Satz ins Gesicht gesagt: „Ich gehe die ganze Zeit mit ihr alleine raus, warum kommst du nicht mal mit.“ Hatte ich gerade einen Schlaganfall? Das war das letzte Mal, dass ich jemals was gesagt habe.

Ein anderer Vorfall, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde:

Es gibt dieses Märchen, dass sich immer wieder unter den Müttern verbreitet, dass es Väter geben soll, die manchmal am Sonntagmorgen das Bett verlassen und ihre Kinder mit nach draußen nehmen, damit die Partnerin ein bisschen länger schlafen kann.  Die Partnerin, die seit Monaten Nachts alle drei Stunden aufsteht um dieses Kind zu füttern, dass plötzlich hier wohnt. Schon beim Tippen dieser Worte fühle ich mich gerade als stünde ein rosa Einhorn in einer Glitzerstaubwolke direkt in meinem Wohnzimmer. Mr. M. blieb im Bett. Immer. Jedes Wochenende und sogar an den Tagen an denen er nicht früh zum Dreh musste. Ich habe ihm beim Schnarchen zugehört, währen ich zu jeder unheiligen Stunde aufstand um mich um unser Baby und später unser Kleinkind zu kümmern. Wieder habe ich ihn einmal gebeten doch bitte, bitte mal am Sonntag das Bett zu verlassen und sich um die Kleine zu kümmern. Außerhalb des Schlafzimmers. Mit geschlossener Türe. Er machte es am nächsten Tag. Einmal. Nie mehr wieder. Ich habe nicht mehr gebettelt.

Es gab auch die Gelegenheit ein- oder zweimal, da war er zu Hause und ich lag mit Kopfweh m Bett. Mr. M. ließ es tatenlos geschehen, dass die Kleine immer und immer  wieder ins Schlafzimmer kam. Er wartete dann minutenlang was passieren würde, bevor er sie halbherzig wieder herausholte um sie wieder reinrennen zu lassen. Es war eine Qual!

Nachdem ich abgestillt hatte und die Kleine im Hochstuhl aß ging es weiter mit einer, jeden Tag aufs Neue, verletzenden Verhaltensweise.

Alle Mamas kennen es: Man setzt sich zum gemeinsamen Essen, man versucht das Kind zu füttern und gleichzeitig selbst ab und zu einen Bissen vom eigenen Teller zu essen. Meistens endet es damit, dass man mit füttern, abwischen, Schadensbegrenzung so beschäftigt ist, dass man am Ende selbst keinen Bissen gegessen hat oder zumindest nicht besonders viel. Selbstverständlich kann sich der Partner, der nicht mit Füttern beschäftigt ist, in Ruhe seiner Mahlzeit widmen und ist zwangsläufig früher fertig.

Vielleicht muss ich gar nicht erwähnen, dass Mr. M es vorzüglich verstand mir beim Essenskampf zuzusehen und im Zweifel dann einfach den Tisch zu verlassen wenn er fertig war. Nicht einmal in 4 Jahren ist folgendes geschehen: „Ach ich habe schon aufgegessen und dein Teller ist noch voll. Gib mir mal den Löffel, ich füttere sie weiter und du kannst essen.“ Ich könne Seite um Seite damit füllen und immer noch möchte ich weinen und kotzen gleichzeitig.

Eine letzte Verletzung, die sich in mein Gehirn eingebrannt hat möchte ich aber noch erzählen:

Sonntagmorgen. Kein Auftrag. Mr. M steht spät auf, macht sich Kaffee und setzt sich an den PC zum WOW spielen. Die Kleine und ich waren schon ein paar Stunden wach und sie begann unruhig zu werden also machte ich uns beide langsam fertig und  teilte ihm mit, dass ich mit der Kleinen auf den Spielplatz gehe. Er war nicht interessiert daran aufzustehen, eh klar.

Ich saß also dann am Rande des Sandkastens und die Kleien spielte vor sich hin als ich feststellte: Ich war die einzige Mutter dort.  Es waren 4 Väter hier am Sonntagmorgen mit ihren Kindern und spielten. Es waren die Väter aus dem Märchen! Die, die mit ihren Kindern das Haus verließen und Zeit mit ihren Kindern verbrachten. Alleine. Ich war den Tränen so nahe wie schon lange nicht mehr! Irgendwann einmal in 4 Jahren meines Mutter Dasein hat er mir Wortwörtlich erklärt: „Ich gehe nun mal nicht gerne auf den Spielplatz!“ Ach was? Ich liiebe es! Ich kann mir überhaupt im Leben gar nix schöneres vorstellen! Ich gehe dahin weil ich so auf dem Spielplatz stehe!

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