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Kein Lärm, um nichts

6 Wochen vor meinem Geburtstermin war ich wieder bei meiner Frauenärztin, ich musste inzwischen alle paar Tage dort einlaufen. Sie sagte mir, ab heute seien wir über den Berg und die sehr kritische Zeit sei vorbei. Ab jetzt sei eine Geburt nicht mehr bedenklich. In der nächsten Nacht, irgendwann nach 2 Uhr morgens platze meine Fruchtblase. Sechs Wochen zu früh. Ich blieb ruhig und habe Herrn M. erst mal aufgeweckt und ihn informiert, dass wir uns wohl besser mal anziehen sollten.

Mein Ehemann empfand diesen Moment offenbar als besonders passend, mich zu fragen, ob er wirklich bei der Geburt dabei sein musste. Ich hatte in diesem Moment nicht den Nerv darauf ernsthaft einzugehen, mir lief das Fruchtwasser die Beine hinunter und ich wollte mich wirklich gerne kurz abwaschen – bis heute ist mir nicht klar, ob das ein Witz sein sollte. Bei keinem Gespräch zuvor hatte er mir jemals das Gefühl gegeben oder erwähnt, dass er vielleicht nicht dabei sein wollte. Wir hatten mal nach einem Bericht im Radio darüber gewitzelt, dass man eben immer vorne am Kopf bleiben sollte und ja nun wirklich nicht direkt das Geschehen beobachten müsse. IS mir ja auch echt vollkommen egal wo er hinsieht bei der Geburt aber ernsthaft …das sagt er jetzt zu mir?  Ich habe ihm nur geantwortet, ob er mich netterweise erst mal ins Krankenhaus fahren könne, bevor wir uns dieser Frage ein letztes Mal widmen.

Ich ging mich also abwaschen und wartete eine Weile bis das Fruchtwasser etwas aufhörte. Danach packte ich noch ein paar Sachen ein. 6 Wochen vor der Geburt stand die Tasche noch nicht ganz bereit zum schnellen Ausrücken. Irgendwann wollte ich aber dann doch ganz gerne endlich los fahren, also stopfte ich mir einen Waschlappen in die Unterhose und wir verließen die Wohnung. An der Türe hatte ich die erst Wehe oder was ich als solche eindeutig identifizierte, denn das war eindeutig ziemlich schmerzhaft. Ich erinnere mich noch daran, dass ich sofort dachte: „Oh shit, wenn das nur der Anfang ist, dann möchte ich nicht wissen wie schlimm es am Ende wird.“ Vollkommen ahnungslos eben.

Gott sei Dank war das Krankenhaus nur 10 Minuten entfernt.

Als ich auf der Station ankam war ich aber ganz offensichtlich nicht die einzige, die davon ausging, dass wir jede Menge Zeit hätten. Also lag es doch nicht nur an meiner eigenen Naivität. Ich wurde erst mal in einem kleinen, ganz normalen Untersuchungszimmer auf eine Liege gelegt. Der Plan war wohl, mich erst mal kurz zu checken und dann auf die diensthabende Ärztin zu warten.

Die Hebamme erkannte natürlich durchaus schnell, dass ich schon relativ weit war aber sie war immer noch der Meinung wir müssten erst mal auf die Ärztin warten damit diese einen Ultraschall machen könne und dann zu entscheiden ob eine „spontane Geburt“ (ich glaube so war das Wort) denn machbar sei. Im Stillen habe ich mir bei diesen Worten bereits gedacht, ich glaube nicht, dass mein Kind auf die Antwort auf diese Frage warten wird. Nur Minuten später begannen auf einen Schlag die Presswehen. Die Hebamme schaffte es gerade noch mir einen Zugang zu legen, dann riss sie Türe meines Untersuchungszimmers auf und rief in den Gang: „Das Kind kommt.“

In Sekunden Schnelle war der kleine Raum mit 5 Personen voll, die sich an meiner Liege aufreihten. Eine der Damen nahm meine Hand und erklärte mir was zu tun war. Sie ist die einzige, die mir in Erinnerung geblieben ist. Die Frau, die meine Hand hielt und mit Anweisungen gab. Mir selbst fiel es überhaupt nicht auf aber offenbar gab ich bei der Geburt keinen großen Laut von mir ich tat einfach was die nette Dame an meiner Hand mir sagte und das war vor allem fest Ausatmen.  Bereits nach der zweiten schlimmen Wehe hieß es von weiter unten, der Kopf sei da und eine Wehe weiter war meine Tochter geboren.

Der wichtigste Mann dieser Nacht war anwesend: Der Kinderarzt. Sie war 6 Wochen zu früh dran und man merkte deutlich, dass alle alarmiert waren und vor allem wichtig war sofort das Baby zu versorgen. Die Kleine war kaum raus geschlüpft, da wurde sie sofort mitgenommen. So schnell der Raum sich vorhing gefüllt hatte, so schnell waren alle wieder draußen und ich war alleine. Alle waren weg. Es war plötzlich still. M. M. saß immer noch an einem kleinen Schreibtisch in der Ecke wo man ihn zu Anfang platziert hatte mit einem Stapel Formulare. Niemand hatte Notiz von ihm genommen oder überhaupt mit ihm gesprochen. Wie ein Wirbelwind schossen alle rein und wieder raus. Ich erinnere mich, dass ich plötzlich furchtbaren Durst hatte. Mr. M. besorgte mir schnell eine Flasche Wasser und dann kam die Hebamme zurück um sich um die Nachgeburt zu kümmern. Ich erspare euch die Details aber es war nicht einfach und das Ergebnis war: Ich musste in den OP. Alle sagten uns wie viel Glück die Kleine gehabt habe und in diesem Moment entschieden wir uns für einen Namen. Während ich zur OP vorbereitet wurde hatte Mr. M. wenigstens schon Gelegenheit unsere Tochter zu halten. Ich bekam davon gar nichts mit, das erfuhr ich erst später. Außerdem hatte Mr. M. meiner Mutter geschrieben und sie kam ebenfalls angerauscht und erwischte ihn noch, wie er kurz mit unserem kleinen Winzi-Baby in einem Zimmer saß bevor der Arzt sie wieder mitnahm.

Erst nach der OP und nachdem man mir ein Zimmer gegeben hatte konnte ich meine Tochter sehen. Mein Mann war zur Arbeit gegangen, er hatte schon morgens um 8 einen Dreh anstehen und kam erst irgendwann am Abend wieder zurück. Ja, ich war der Meinung gewesen, dass man in dieser Lebenssituation ausnahmsweise auch mal früh um 5 bei ein paar Kollegen hätte anrufen können und erzählen man sei gerade Vater geworden ob bitte jemand den Dreh übernehmen könne aber was weiß ich schon. Meine Mutter war bei mir. Auf der Intensivstation konnte ich dann endlich mein Baby begrüßen. Sie war gesund und stark und doch ein so kleiner Wurm! 40 cm groß und 2200 Gramm leicht. In ihrer winzig kleinen Hand steckte bereits ein Zugang, der größer war als ihre Fingerchen aber es ging ihr gut. Ich saß dort bei ihr und hielt sie auf meiner Brust und bestaunte diese kleine Kreatur in meinem Arm bis man mich wieder auf meine Zimmer schickte, weil ich anscheinend ziemlich blass aussah.

Auch an diesem Tag war mein Ehemann ein emotionaler Roboter. Er hatte keine Umarmung für mich, keinerlei sichtbare emotionale Regung und Unterstützung, nichts was darauf schließen ließ, dass ich soeben ein Kind geboren hatte. Nichts was erkennen ließ, dass ihm klar war was die letzten Stunden mit mir passiert war oder was darauf hindeutete, dass heute etwas Wichtiges für uns passiert war. Er kam am Abend an, er hielt sein Kind, er begrüßte mich aber da war nichts sonst. Er hatte nicht einmal Blumen dabei als zurückkam. Ja, mag sein, Blumen sind nicht wichtig. Traurig war ich trotzdem.

 

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