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Stellt euch mal nicht so an!

Heute las ich einen Text, der sich mit Burnout bei Müttern befasste. Darunter fanden sich in kurzer Zeit jede Menge Kommentare, die mich sprachlos machten. Es ging hier gar nicht nur um Alleinerziehende dennoch, der Tenor war irgendwie erschreckend.

Als Erstes tat ein Vater kund, dass er sein Leben mit 3 Kindern und Job und was nicht noch allem ja auch hinbekommen habe und das Gejammer ginge ihm auf den Zeiger…hö?
Es folgten jede Menge Menschen, die den Tenor vertraten, man solle sich mal nicht so anstellen und wenn Frau einfach mal lernen würde weniger von sich selbst zu verlangen und einfach mal weniger Anspruch an sich hätte, dann wäre das mit der Überforderung auch kein so großes Problem…what? Außerdem, man habe es sich ja schließlich so ausgesucht…ja ne, is‘ klar.
Alles in Allem: Wir Frauen und alleinerziehende Mütter sollten mal aufhören zu jammern…wtf?
Also ich kann ja gerne noch zustimmen, dass selbstverständlich auch alleinerziehende Väter, also alleinerziehende Menschen, manchmal am Rand der Überforderung und darüber hinaus agieren, ist ja klar. Der Rest machte mich aber dann doch sprachlos.
Jeder Mensch hat eine andere Toleranzschwelle und geht anders mit Stress um. Viele von uns haben vielleicht auch nie gelernt Stress rechtzeitig zu erkennen und dagegen zu steuern. Zudem ist es, glaube ich, allgemein bekannt, dass man zur Stressbewältigung Ruhemomente braucht. Ruhemomente? Viele von uns werden hier sofort fragen: Was ist das? Ruhemomente hatte ich zuletzt vor der Geburt meines Kindes. Ruhe habe ich nicht mal mehr auf der Toilette!
Man habe es sich ja so ausgesucht? Einen Scheiß habe ich und vermutliche auch viele andere nicht. Ich war verheiratet und habe mit meinem Mann ein Kind bekommen. Jedem ist klar, welcher Lebensplan dahintersteckt. Sicherlich nicht der, am Ende allein zu sein mit meinem Kind. Ja, es gab auch den sehr weisen Satz, man sei ja selber schuld, weil man den falschen Mann geheiratet habe.  Jessas Maria!
Also ich sprech‘ einfach mal von mir selbst. Ja, ich habe diesen Mann geheiratet und ein Kind mit ihm bekommen. Ja, ich wusste es gibt Dinge, die mich stören, wer hat die nicht. Aber dass ich nach der Geburt vollkommen alleine gelassen werde, das konnte ich nicht vorhersehen.
Es kommt der Tag an dem man erkennt, dass der Lebensentwurf gescheitert ist. Die Ehe und die Familie, die man sich gewünscht hat, liegen in Scherben. Der Mann zieht aus und ich bleibe zurück mit der Aufgabe ein neues Leben für mich und mein Kind aufzubauen. Eine eigene finanzielle Grundlage schaffen, eine neue Wohnung finden, mein Kind versorgen, Termine wahrnehmen, einkaufen…. ich muss es nicht aufzählen, ihr kennt das alles. Plötzlich agiert man, trotz aller Anstrengung, am Rande der Armutsgrenze, hat Geldsorgen, Existenzangst. Immer wieder kommt sie, die Existenzangst. Weil ich keine bezahlbare Wohnung finde, weil ich keine Ganztagsbetreuung finde, weil der Unterhalt nicht rechtzeitig bezahlt wird, weil ich einen Anwalt brauche usw.
Zeit zu verarbeiten bleibt da nicht. Ich mache weiter. Hinzu kommt natürlich die Auseinandersetzung mit dem Vater, der denkt mit der räumlichen Trennung endet auch jede Verantwortung. Der sein Kind nur nimmt, wenn es in seinen Kalender passt.
Es tun sich so viele Fronten auf an denen ich kämpfen muss, dass es bald keinen Sinn mehr macht sie zu zählen. Ja nun, mag manch einer die Schultern zucken, so ist das Leben. Ja, so ist das Leben und dennoch sind wir alle unterschiedlich belastbar. Wir alle haben eine Psyche und Gefühle, nicht nur die täglichen Aufgaben.
Weithin wird akzeptiert, dass man an physischer und psychischer Dauerbelastung krank werden kann, dass Depressionen drohen, dass man seelisch krank wird, wenn der Körper nicht mehr kann und die Psyche leidet in mannigfaltigen Problemsituationen. Wenn man aber eine Gruppe benennt, die sich zweifelsfrei im Ausnahmezustand befindet (Lebensmodell gescheitert) und danach sofort und für lange Zeit unter Dauerbelastung steht – also prädestiniert ist dafür, dass viele von uns den Druck nicht ewig aushalten- dann kommen die Mitmenschen ernsthaft mit solchen Parolen ums Eck? Abgestumpft much? (Ja, ich weiß es ging um Mütter im Allgemeinen.)
Ich soll gefälligst aufhören zu jammern? Soll die Klappe halten und mich um mein Leben kümmern? Soll mal nicht alles so eng sehen? Tue ich, tue ich, tue ich und dennoch…ganz plötzlich fängt es in meinem Ohr an zu piepsen, immer wieder habe ich eine Darmentzündung und mein Magen krampft sich so komisch zusammen. Ich habe das so nicht bestellt! Stell einfach ab, den Tinnitus!
Nicht jammern. Weitermachen. Der Vater da oben mit den drei Kindern und dem Job und den vielen Hobbys findet ich bin eine Memme und der hatte nicht mal eine Putzfrau! Außerdem hat die Mutter vor 50 Jahen mit den 6 Kindern und dem Bauernhof auch nicht gejammert und keinen Burnout… seriously?

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