Zum Inhalt springen

Surreal

Nachdem wir uns ja nun seit ein paar Tagen wieder angenähert haben, luden mich mein Vater und seine Frau abends zum Essen ein. Was soll ich sagen, es war en surreales Erlebnis. Mal wieder.

Wir gingen in den Laden, in dem der Hummer so günstig ist. Natürlich, wie immer wenn man mit meinem Vater irgendwohin geht, war der Tisch voll mit irgendwelchen Stammtischfreunden. Es ist jedes Mal ein bisschen als sitze man im Theater. Die Frauen sind her operiert, zugehängt mit dickem Schmuck, Klamotten immer an der Grenze zum „too much“ und gerne auch darüber hinaus. Es erinnert ein wenig an den sprichwörtlichen Pfingstochsen, kennt ihr, oder? Alle saufen wie die Löcher und  es dreht sich meist um Sehen und gesehen werden, um wer hat was und wer kennt wen, nebenbei noch anzügliche Witze und Kommentare und alles in allem Dinge, die mit meinem realen Leben nichts zu tun haben.

Das ist nicht meine Welt, war es noch nie. Ich kenne diese ewig gleichen Leute natürlich seit meiner Kindheit, weil mein Vater sich immer schon so umgeben hat aber ich komme mir immer vor wie der Beobachter von außen.

Alles immer schon vor dem Hintergrund, dass mein Vater nie einer war. Er hat mich nie unterstütz, war nie für mich da, hat sich nicht um mein Leben gekümmert. Er war nie ein Vater und hat nie Verantwortung übernommen.

Der letzte Ratschlag von ihm war, mich ans Sozialamt zu wenden und hier sitze ich nun und sehe zu, wie die vierte Flasche Rotwein gesoffen wird. Eine für 150€. Ich sehe sie Hummer und Scampi bestellen und man zeigt sich gegenseitig den neuesten handgemachten Schmuck und die neue Rolex und erzählt vom letzten Urlaub. Ich sitze nur da und schaue zu und bin nicht sicher ob ich lachen oder weinen soll.

Die Leute hier am Tisch sind übrigens u.a. Mitglieder des Frauenstammtisches der Frau meines Vaters, den sie mitgegründet hat. Soll heißen, man trifft sich jeden Freitag um 14.00 und säuft sich unter den Tisch. Eine der anwesenden Frauen ist die Präsidentin und die Frau meines Vaters ist die „Unterhaltungs Ministerin“. Ja, die meinen das ernst.

Anscheinend hatte die Frau meines Vaters in der Vergangenheit versucht mal andere Freundinne zum Stammtisch dazu zu holen aber die Präsidentin verweigerte. Man habe Aufnahmestop. Irgendwann, nach der vierten Flasche Rotwein und ein paar Mocow Mule sagte die Präsidentin (ich habe ihren Namen vergessen) ausgerechnet zu mir, ich soll doch zum Stammtisch kommen Freitags und ich sei ja schon aufgenommen und Widerspruch gebe es nicht. Ach du Scheiße!

Das eigentlich Lustige (eigentlich Irritierende) daran war, als die Frau meines Vater das hörte, benahm sie sich als habe man mich gerade zum ersten weiblichen Papst gemacht. Wirklich, sie konnte es nicht fassen, dass man mich in diesen illustren Kreis aufgenommen hatte. Hätte ich ihr den Fischerring hingehalten, wäre die Rektion wohl ähnlich ausgefallen.

Seltsamerweise muss ich freitags um 14.00 Uhr arbeiten und später meine Tochter aus dem Kiga holen. Die Ausrede zählte übrigens nicht. Alles nur Peanuts.

Willst du mich eigentlich verarschen? Ich habe kein Geld für ein Ikeasofa und neue Vorhänge und du feierst meine Aufnahme zum Damenstammtisch. Zum Champagner trinken, Rolex tragen, Urlaubplanen und Guccitaschen herzeigen?

Der dritte Punkt war das Verhalten meines Vaters. Kurz zur Erinnerung. Nach einem Jahr Funkstille wollte er einfach nicht darüber sprechen und wollte, dass wir jetzt „neu anfangen“. Genau das tue ich eigentlich schon mein ganzes Leben mit ihm, anders könnte ich ihm schon längst nicht mehr in Gesicht sehen. Ich habe mich vor allem darauf eingelassen, weil ich wollte, dass meine Tochter Kontakt zu ihrem Opa hat und ihn ab und zu trifft.

Mein Vater war nach kurzer Zeit total besoffen und erzählte dauernd Sachen wie „Ich habe meine Tochter wieder“ und die andere Besoffenen erzählten mir, „dein Vater ist so stolz auf dich“ und „dein Vater ist so ein toller Typ“, ach du Schande!

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht eifersüchtig auf sein Geld aber die Diskrepanz zwischen diesem Verhalten hier und mir einen alten Perserteppich aus seinem Keller anzubieten, das beleidigt mich. Sich so zu verhalten mir gegenüber und mich dann an so einen Tisch zu setzten ist frech aber hey, jetzt weiß ich wenigstens wo sie im Mai Urlaub machen werden!

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.